Pfarrerin Octavia von Roeder

  

Pfarrerin Octavia von Roeder

Wir freuen uns, Sie in unserer Gemeinde begrüßen zu dürfen!
Ich selbst bin seit Januar 2023 hier in den Gemeinden auf dem Bodanrück unterwegs. Aufgewachsen auf einem Weingut in der Ortenau, hat mich mein Weg nach Südindien, Mangalore geführt, wo ich ein Freiwilligen Soziales Jahr in einem Frauen – und Kinder Beratungszentrum gemacht habe. Danach bin ich durch das Studium der ev. Theologie nach Leipzig, Berlin, Jerusalem und Heidelberg gekommen. Während des Studium konnte ich als studentische Mitarbeiterin im Alten Testament bei Lehrgrabungen in Ashdod/Israel dabei sein und so tiefer in die Archäologie eintauchen. Mein Vikariat, also die sich ans Studium anschließende praktische Ausbildung zur Pfarrerin, habe ich in der Kreuzgemeinde in Konstanz-Allmannsdorf gemacht. Nach einem Jahr im sogenannten „Probedienst“ in Herbolzheim bei Freiburg, konnte ich im Januar 2023 die Stelle hier in Litzelstetten-Dingelsdorf-Dettingen-Wallhausen antreten.
Ich freue mich hier an diesen wunderschönen Orten wirken zu dürfen und mit vielen wunderbaren Menschen Gemeinde leben und gestalten zu dürfen. 
Bei Fragen und Anliegen bin ich gerne erreichbar. Rufen Sie einfach an (0157-58554913) oder schrieben Sie eine Mail an Octavia.Roeder@kbz.ekiba.de
Herzliche Grüße
Octavia v. Roeder
 
Predigt Octavia von Roeder zu ihrer Einführung
Predigt (Johannes 15,1-5) zum Einführungsgottesdienst am 21. April 2024
 
"Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht."
 
Es ist Weinlese in Diersburg. Die Septembersonne taucht alles in ein goldenes Licht und scheint auf die gelben und roten Blätter, die sich – eins nach dem anderen von den Bäumen lösen. Ein bisschen als wäre die Welt in Honig getunkt worden.  Ich bin neun Jahre alt und höre, wie der Traktor auf den Hof rollt. Das laute Röhren des uralten Deutz ist unverkennbar. Die Bütten auf dem Anhänger sind voll. Während das Abladen vorbereitet wird, klettre ich auf den Hänger, vorsichtig über die Kupplung hoch zu den klebrigen Bütten. Der süße Duft steigt in meine Nase und mischt sich mit dem klebrigen Gefühl, dass meine Hände aufzusaugen scheinen. Ein Marienkäfer besucht mich und betrachtet mit mir die reiche Ernte. So riecht der Herbst: Nach Bienenstich und reifen Trauben. Nach Traktorbenzin und Gärstoffen. Es ist Herbst und es ist an der Zeit, die reiche Frucht einzubringen. 
Jesus sagt: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. 
Was meinem neunjährigen-Ich nicht klar ist: Wie viel Arbeit bis zu diesem Moment in die Pflanze gesteckt wurde. Wie viele Handgriffe und Arbeitsschritte nötig waren, damit der Marienkäfer und ich staunend stehen können: Vom Bereiten des Bodens bis zum Einpflanzen der kleinen Setzlinge. Vom Wachsen, Düngen und Pheromone hängen bis zum Bögen machen, Gipfeln und Entblättern. Damit die Rebe gute Frucht bringen kann, braucht es gute Bedingungen. Braucht es Zeit und Menschen, die sich ganz dem Weinberg widmen. 
Die Weinberge, inmitten deren ich aufgewachsen bin, sind etwa 150 km von hier entfernt. Und doch - als ich im Januar vergangenen Jahres hier herkam, wo ja eher die Obstbäume blühen, hatte ich doch das Gefühl wieder in einen blühenden Weinberg zu kommen. Eben weil hier Menschen sind, die sich mit ganzem Herzen dem Wachsen und Gedeihen der Triebe widmen. Menschen, die sehen, welche Triebe mehr Sonnenlicht brauchen. Die den wild wachsenden Bögen eine Richtung geben und deren Arbeit Früchte hervorbringt. Reiche Früchte. 
 
Und dieser erste Eindruck, der durfte sich im letzten Jahr immer weiter festigen. Immer wieder, wenn mir Menschen in ganz unterschiedlichen Kontexten von den Kirchengemeinden erzählt haben, davon, was sie an diesen Orten erlebt haben und davon, was sie mit den Gemeinden verbindet. 
Ich durfte viele meine Vorgänger und Vorgängerinnen kennenlernen und spüren, wie hoch ihre Verbundenheit auch Jahre später mit den Gemeinden ist und mit wie viel Herzblut sie ihre Arbeit gemacht haben. Durfte hier von Anfang an in Beate Granzin eine wunderbare Kollegin haben, die seit zehn Jahren den Weinberg hier hegt und pflegt. 
Durfte auf so viele Menschen treffen, die sich mit ihren Ideen, mit ihrer Zeit, mit ihren Gaben in den Gemeinden einbringen, so dass blühende Triebe in diesem Weinberg Gottes hier in Wallhausen, in Dingelsdorf, in Dettingen und Litzelstetten wachsen können. 
Es ist ein blühender Weinberg, der sich nicht allein an der Anzahl von Gruppen und Kreisen oder an Gebäuden messen lässt, sondern vor allem daran, dass Menschen sich hier gerne einbringen. Daran, dass sie sich engagieren, weil sie sich wohlfühlen. 
Es ist eine gute Lage hier am See – mit viel Sonne und einem guten Klima – nicht nur landschaftlich betrachtet. 
Jesus sagt: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.
Die Worte von Jesus verlagern den Fokus noch einmal. Er spricht an dieser Stelle nicht von den Arbeitern im Weinberg. Sondern sagt:  Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Alle Energie, alle Lebenskraft, die ein Mensch entwickeln kann, kommt in diesem Bild aus dem Weinstock. Es ist der Weinstock, der acht Meter tief in der Erde wurzelt, der die Nährstoffe hinein in die Triebe transportiert, der bei Wind und Wetter feststeht und Jahrzehnte überdauert. Ein knorriger, krummer Stamm, der jede einzelne Beere, jedes Blatt ernährt. Alle Kraft, die die Triebe und Früchte zum Leben brauchen, kommt aus diesem Stamm. Und alles, was die Reben tun müssen um diese Energie zu bekommen ist eines: Bleiben. Christus spricht: Bleibt in mir und ich in euch. 
Bleiben, verharren, dableiben, dass ist manchmal gar nicht so einfach. Und geht es nicht außerdem viel mehr darum, den neuen Wegen zu vertrauen? Aufzubrechen und eben nicht zu bleiben? Weil Leben heißt „sich regen“, weil Leben wandern heißt? 
Ich glaube, dass „Bleiben“, von dem Jesus hier spricht, meint weniger ein Verharren bei dem, wie es schon immer war, sondern vielmehr eine Haltung: Ein mir immer wieder bewusst machen, mit wem ich verbunden bin, was meine Wurzeln sind. Und das gerade nicht durch meine eigene Leistung. Denn der Trieb, die Traube, kann sich ja nicht von selbst entscheiden, sich einem Stamm anzuschließen, sondern der Stamm bringt den Trieb und die Trauben hervor. Bleiben in Jesus ist eine Haltung, ein In-Beziehung-Sein und ein Gewahr werden der Wurzeln, aus denen heraus ich Kraft beziehe. Denn nur aus dieser Beziehung zwischen Stamm und Trieb heraus, kann Wachstum entstehen. Und gerade weil wir auf diese Lebensenergie aus dem Stamm vertrauen können, gerade, weil wir in Jesus bleiben können, dürfen wir zugleich den neuen Wegen vertrauen. Weil uns der Stamm auf unseren neuen Wegen mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen. 
Mehr denn je gilt es, sich das bewusst zu machen in all den Veränderungsprozessen, vor denen wir als Gesellschaft und als Kirche stehen. Wenn von Gemeindezusammenschlüssen und Stellenkürzungen gesprochen wird, von roten und grünen Gebäuden, dann gilt es immer wieder deutlich zu machen, dass wir auch inmitten von Veränderungen und anderen Formen in Jesus bleiben. Dass wir hoffnungsvoll in die Zukunft der Kirche hineingehen dürfen, wenn es eine Kirche ist, die inmitten ihrer Veränderungen in Jesus bleibt. 
Genau in diesem Bleiben unterscheidet sich die Rebe von der Schnittblume. Ich habe eine große Liebe zu Schnittblumen. Ich liebe das „Blumen zum Selberschneiden-Feld“ am Ortseingang von Litzelstetten, aber kaum stehen die Blumen in der Vase in unserer Wohnung beginnt ein Prozess des kurzen Aufblühens und dann folgt der kontinuierlich fortschreitende Verfall. Die Rebe dagegen, sieht zu manchen Zeiten des Jahres überhaupt nicht so ansehnlich aus, wie mein prächtiger Tulpenstrauß auf dem Esstisch. Aber sie wächst, langsam und beständig. Tag für Tag gibt der Stamm den Trieben alles, damit sie ganz behutsam wachsen und Früchte gedeihen lassen können. 
Es ist diese beständige Lebensader, die durch Wurzeln, Stamm und Triebe fließt, die uns erdet und die wir als Christinnen und Christen immer wieder weitergeben können. Denn die Haltung des Bleibens in Jesus kann sich im Handeln zeigen – ein Handeln, dessen Zeugin ich im vergangenen Jahr immer wieder werden durfte.  
Dann, wenn ich mit den vielen verschiedenen Chören – mit dem Kinderchor, dem Posaunenchor, dem Kirchenchor, dem finnischen Chor, dem Gospelchor oder mit Choriosa Gottesdienste gestalten durfte und spüren durfte, wie Musik Menschen verbindet, wie Glaube in Musik lebendig wird. 
Wenn ich in den Krabbelgruppen miterleben durfte, wie neue Freundschaften an fremden Orten entstanden sind, Menschen neue Heimat finden und kleine Krabbelkinder die Kirche ganz für sich einnehmen. 
Wenn wir bei der Wohnzimmerkirche oder bei der „Guten Zeit für Frauen“ hineingetaucht sind in neue Erlebnisse und tiefe Gespräche und den Geist wehen spüren. 
Bei der Kinderkirche und den Konfis, in der ökumenischen Zusammenarbeit, beim Geburtstagskaffe, dem Kirchenkaffe oder dem Seniorenkreis. In der beflügelnden ökumenischen Zusammenarbeit, bei so vielen Besuchen und Gesprächen. 
So unglaublich viele Momente, wo ich erleben konnte, dass die Lebensader des Wienstocks schlägt – „wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“
Heute dürfen mein Mann Sebastian und ich ganz offiziell als neue Triebe hineingepfropft werden in den blühenden Weinstock hier am See. Wir dürfen hineinwachsen und hineinwurzeln in all das, was bereits tiefe Wurzeln geschlagen hat. 
Und ich bin voller Hoffnung: Die Triebe an diesem Weinstock Gottes, sie können weiterhin blühen. Vielleicht schmecken ihre Trauben ein bisschen anders als zuvor, vielleicht verändert sich manches im Prozess der Weinherstellung. ///Aber in Baden gibt es eigentlich nur exzellente Weine – die Qualität schwankt wenn, dann nur auf hohem Niveau. 
Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Gott schafft und erhält den Weinberg dieser Gemeinde mit seinem Segen. Darum dürfen wir den neuen Wegen vertrauen. Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit. Amen.